Industriegebiet Herzbergstraße

Wir sind nicht Kreuzberg!

Offener Brief an Axel Haubrok, Klaus Lederer und die Künstler*innen im Gebiet der Herzbergstraße – für eine sozialverträgliche Kulturentwicklung

Sehr geehrter Herr Haubrok, sehr geehrter Kultursenator und liebe Künstler*innen,

Lichtenberg-Hohenschönhausen ist ein familienfreundlicher Bezirk. Hier können Familien friedlich leben und finden passenden Wohnraum. Sie haben gute Schulen, vernünftige Arbeit, den großen Tierpark, schöne Spielplätze und vieles mehr. Unser Anspruch ist es dabei, auch Familien, die kein hohes Einkommen haben, lebenswerten Wohnraum bieten zu können und generationenübergreifendes Leben mit unseren Senioren*innen zu ermöglichen. Wir sind stolz auf unsere Künstler*innen, die nach der Verdrängung aus der Innenstadt in unserem Bezirk eine neue Heimat gefunden haben. Die weitere kulturelle Entwicklung des Bezirks muss aber auf eine sozial verträgliche Art und Weise gestaltet werden.

Wir freuen uns, dass der Düsseldorfer Unternehmensberater Herr Haubrok so großes Interesse an unserem Gewerbegebiet in der Herzbergstraße zeigt. Doch eine neue Kunsthalle in diesem Gebiet würde unmittelbar die Arbeitsplätze von fast 200 Unternehmen gefährden. Das darf nicht sein. Das Gewerbegebiet ist das Herzstück der Wirtschaft Lichtenberg-Hohenschönhausens, eines der letzten industrietauglichen Gebiete der Stadt und beherbergt über 850 Unternehmen mit über 8.000 arbeitenden Menschen. Viele dieser Unternehmen haben Mitarbeiter*innen, die seit über 25 Jahren in den Betrieben arbeiten und schaffen Arbeitsplätze, welche auch ohne höchste Qualifikationen ausgeübt werden können. Die gute Zusammenarbeit der Betriebe mit dem örtlichen Arbeitsamt ist unter anderem einer der Gründe, warum Lichtenberg-Hohenschönhausen im Vergleich zu gesamt Berlin eine geringe Arbeitslosenquote vorweisen kann.

Sie, Herr Haubrok, sollten durch Ihre gute Vernetzung in dem Bereich wissen, dass einige Investorengruppen günstige Grundstücke in dem geschützten Gebiet erworben haben und auf eine Aufweichung des Schutzstatus spekulieren. Wir sind enttäuscht, dass Sie sich indirekt – trotz der Bemühungen und Unterstützung des Bezirks für das HB55 als künstlerischer Rückzugsort – an die Spitze dieser Bewegung gesetzt haben.

Liebe Künstler*innen, wollt Ihr günstige Ateliers oder das Tacheles? Bisher können Sie sich ruhig und ungestört in dem abgelegenen Gebiet entfalten. Sie können in einer angenehmen Umgebung arbeiten, mit Gleichgesinnten Ihre Kunst produzieren und potentielle Käufer*innen in Ihre Werkräume einladen. Stoppen auch Sie Gentrifizierung, damit das so bleibt! Wenn Bedarf an mehr Ausstellungsräumen für Lichtenberger Kunst besteht, dann kann man mit staatlichen Einrichtungen, wie der Galerie 100 und dem Kulturhaus Karlshorst feste Ausstellungskontingente vereinbaren oder eine Kooperation mit den Lichtenberger Einrichtungshäusern arrangieren.

Sehr geehrter Herr Lederer (Die Linke), wir sind nicht Kreuzberg und wollen es auch nicht werden! Im Osten Berlins gibt es eine große künstlerische und kulturelle Tradition. Es muss aber eine sozialverträgliche Kulturentwicklung angestrebt werden. Es darf nicht sein, dass die Filetstücke unserer Betriebe für schöne Eröffnungsfotos von Kunsthallen geopfert werden. Wir freuen uns über jede sinnvolle Kulturinvestition. Eine sozialverträgliche Alternative wäre, die für alle Besucher*innen offene und kostenlose Ausstellungshalle in einer der Großsiedlungen unseres Bezirks zu errichten.

Um die Forderung zu unterstützen, hier unterschreiben.

Arbeitsgemeinschaft der Jusos in der SPD-Lichtenberg