Ole Kreins bereichtet vom Bundeskongress der Jusos in Weimar 10-12.Oktober 2008

Lichtenberg stellt dieses Jahr gleich 2 Delegierte (Ole Kreins und Anne Meyer) für den Bundeskongress 2008 der Jusos.

Ole berichtet über die Ereignisse von Freitag und Samstag.

Anne Meyer

Liebe Genossinnen und Genossen!
Dieser Tage hat man es nicht wirklich schwer eine überzeugte Jungsozialistin oder ein überzeugter Jungsozialist zu sein.

Die globale Bankenkrise ist eingetreten. Die Bankenkrise ist auch eine Gesellschaftskrise.
Die Jusos haben die Gesellschaftskrise schon auf vielen Bundeskongressen zum Thema gemacht und die Mutterpartei gemahnt, eine Mutterpartei, der die Jusos kritisch, aber konstruktiv gegenüberstehen. Das merkt man an den Reaktionen auf Arbeitsminister Olaf Scholz oder Generalsekretär Hubertus Heil. Die Aussprachen nach deren Reden sind heftig, direkt und schonungslos.
Die Genossen Minister und Generalsekretär reden in Versatzstücken, Phrasen, die man beliebig hinter einander reihen könnte. „ Aktive Arbeitsmarktpolitik gehört zur sozialdemokratischen Arbeitsmarktpolitik“ sagt Olaf, und „Die Devise ‚Fordern und Fördern‘ zählt immer noch“. Als forsche Jusos die Ausbildungsplatzabgabe fordern, muss Genosse Olaf schmunzeln. Als diese fordern, die Möglichkeit der 100%igen Streichung des ALGII für U25 zurückzunehmen, da schweigt er. Als diese anmerken, dass auch Rot-Grün die prekären Arbeitsverhältnisse mit den Personalserviceagenturen noch gefördert habe, schaut er teilnahmslos gen Publikum. Einige klatschen, aber eben nicht alle.
Es folgt die Ausbildungsplatzabgabe. Olaf wirbelt mit den Armen und schaut mir direkt ins Auge, denke ich. Hauptschulabschluss nachholen! Mitbestimmungsrechte und Vollbeschäftigung. Ob er mir ins Auge schauend merkt, was ich denke? Ich schaue auf meine Hände und sage zu ihnen, ihr müsst bis zum 67. Lebensjahr arbeiten. Olaf ist fertig und bekommt noch einen ‚Pfälzer Roten‘ von unserer Bundesvorsitzenden Franziska Drohsel.

Meine Hände hämmern weiter auf der Tastatur meines Laptops. „Akademische Schreibarbeit ist ja gangbar.“ Auch so ’ne Phrase. Die Genossin links neben mir ist Landesvorstandsmitglied und kommt aus Reinickendorf. Sie schaut Olaf Scholz per Lifestream in bunt und muss sonst immer meine Kommentare ertragen. Unter http://www.jusos.de ist der Stream zu finden.

Dort findet sich auch das Antragsbuch. Es hat knapp 400 Seiten und wird fortlaufend durch noch mehr Papier ergänzt. Mein Aktenordner füllt sich. Manchmal steht nur ein Satz auf einem Blatt Papier. Die dringend benötigten Locher arbeiten sich heiß. Ich schätze wir kommen auf knapp 700 Blatt, teils beidseitig.(Anm. Anne: Es sind ungefähr 930 Seiten) Soviel lesen kann man natürlich nicht. Es wird eben arbeitsteilig organisiert.

Weimar hat sich herbstlich schön gemacht, die Architektur ist bekannt, das Laub ist bunt und weht durchs Städtchen. Das Zwiebelfest kommt hinzu. Weimar ist voller Menschen – gestern Abend waren viele Weimarer einfach nur noch voll.
Als wir so gegen 23 Uhr Freitag die Antragsbücher schließen und die Redeliste beenden, ist zwar noch etwas los in der Stadt, aber viele Trinker haben einfach schon zehn Stunden Vorsprung. Den Wettbewerb will ich nicht mitmachen.
Bisher ist mir auch noch von keiner Genossin und keinem Genossen ein Ausfall bekannt. Aber schließlich sind wir dreihundert Delegierte hier.
Den Großteil stellt der Landesverband NRW mit 65 Delegierten, das ist schon ein Pfund, 33 Bayern und 19 Berlinerinnen und Berliner. Ach ja, da gibt es noch zwei Landesverbände, die grundsätzlich immer an anderen Stellen klatschen. Die HamburgerInnen und die Delegation aus Baden Württemberg.

Ich höre Sätze wie „Arbeitslose sollten gefälligst Lust auf Arbeiten bekommen“, „Im Ländle fehlen Ingenieure im technischen Bereich“, … „Man müsse nur die letzten Schlafenden wecken“, … „Die Sanktionen sind notwendig!“. Ich rufe empört dazwischen, dass sie doch mit der Arbeit zu uns kommen könnten!

Freudig begrüßt worden bin ich von Philipp Garanin. Er ist in der Hochschulgruppe in Jena und dort Sprecher. Ein Karlshorster Export. Import gab es ja auch. Er war bei uns Lichtenberger Jusos aktiv. Papier austeilend und in Verantwortung für die Auslage der vielen tausend Änderungsanträge, schlägt er sich wacker, obwohl oftmals am Rande der Erschöpfung. Es ist schön, ihn nach langer Zeit wieder zu sehen.

Eines noch zum Ort Weimar, Buchenwald. Das Konzentrationslager hatte ungefähr 250.000 Gefangene, Gefolterte und 56.000 Tote, darunter 11.000 Juden. Viele politische Gefangene. Unsere Herberge liegt etwas außerhalb des Stadtbereichs auf dem Ettersberg. Eigentlich müsste das Konzentrationslager auch Ettersberg heißen. Denn es liegt Luftlinie vielleicht 500 Meter von unserer Herberge entfernt, eingebettet in ein Wäldchen. Weimar hatte 1939 ungefähr 65.000 Einwohnerinnen und Einwohner. In Buchenwald waren über die Jahre 250.000 Menschen gefangen. Keiner in Weimar wollte was gemerkt haben.

Weil wir bisher keine Zeit in Weimar hatten, die Gedenkstätte zu besuchen und nur eine Gedenkminute abzuhalten, gehe ich auf die Webseite der Gedenkstätte und schaue mir die Dokumentationen der Grausamkeiten deutscher Geschichte an. Ich sehe eine getarnte Genickschussanlage, in Form einer an der Wand installierten Messlatte zur Körperhöhenmessung, an der sich durch einen kleinen Raum ein Schütze von hinten an das ahnungslose Opfer nähert und durch eine ungeahnte Lucke von hinten ins Genick schießt. Ich sehe ein Krematorium, in die verhungernde Gesichter schauen. Mir vorstellend, welche Grausamkeiten den Menschen angetan wurden, schießen mir immer wieder die Tränen in die Augen. Ich kenne die deutsche Geschichte, auch diesen Teil, besuchte Yad Vashem und engagiere mich gegen die neuen Nazis in diesem Land, aber jedes Mal, wenn ich solche Dokumentationen erlebe, werde ich in tiefe Traurigkeit und Wut gestürzt. Und mir ist, als würde mein Herz für diesen kurzen Moment stehen bleiben. ( von Ole Kreins)

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