Jusos besuchen Ausstellung „Berliner Tatorte“


Am Mittwoch besuchten die Jusos Lichtenberg die Ausstellung „Berliner Tatorte“, ausgestellt in der KULTschule in der Sewanstraße und organisiert von ReachOut, einer Berliner Opferberatung gegen rechte Gewalt. Dank einer fachkundigen Einführung konnten wir einen Einblick in den Umgang und die Aufarbeitung rechtsextremer Gewalttaten aus der Perspektive der Opfer erhalten. Wir hoffen, dass es bald wieder einmal die Möglichkeiten geben wird, diese Dokumentation zu besuchen.
Zu unserem Besuch am vergangen Mittwoch hier ein kurzer Bericht:

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte? Nicht immer!

Ein Bericht von Ole Kreins und Kevin Hönicke

Bei der Ausstellung „Berliner Tatorte“ am 12.10.2008 in der KULTschule erzählten viele Bilder den Besucherinnen und Besuchern, unter anderem einigen Mitgliedern der SPD- und Jusos-Lichtenberg, von schrecklichen Übergriffen rechtsextremistischer Gewalt in unserem Bezirk Lichtenberg und unserer Stadt Berlin. Dabei waren auf der Ausstellung von ReachOut nur ganz normale schwarz-weiß Bilder von schönen Orten unserer Stadt zu sehen, jedoch die, im Nachrichten-Still geschriebenen, Texte neben den Bildern gaben uns Besuchern einen Einblick, zu welchen schrecklichen Taten es an solchen wunderschönen Orten, an denen jeder von uns Tag für Tag vorbeigeht, sich einen Kaffee holt, auf die S-Bahn wartet oder einkaufen geht, kommen kann.

Die Ausstellung „Berliner Tatorte“ wird von ReachOut organisiert. ReachOut ist eine Beratungsstelle für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Berlin. Dabei unterstützen und beraten sie nicht nur Angehörige, Verwandte und Freunde von Opfern rechtsextremistischer und antisemitischer Angriffe, vielmehr bietet ReachOut antirassistische und interkulturelle Bildungsabgebote an. Außerdem recherchiert diese Beratungsstelle in Berlin stattgefundene, rechtsextreme, rassistische und antisemitische Übergriffe auf Passanten und veröffentlicht dazu eine Chronik. ReachOut verhindert mit Aktionen wie dieser Ausstellung ein Ignorieren und Vergessen von rechtsextremer Gewalt.
Unterstützt wird die Ausstellung „Berliner Tatorte“ von der Netzwerkstelle Licht-Blicke, welche Initiativen, Einrichtungen und Privatpersonen unterstützt, die das zivilgesellschaftliche Engagement vor Ort stärken und sich für demokratische Werte und Menschenrechte einsetzen.
Aufgrund des 70. Jahrestages der Reichspogromnacht wurde von vielen Seiten gefordert, dass Deutschland sich gegen das Vergessen und gegen die Ignoranz von rechter Gewalt stellen sollte. ReachOut und Licht-Blicke sind zwei Institutionen, welche sich genau dafür engagieren.

Begrüßt wurden wir bei der Ausstellung von der ReachOut-Mitarbeiterin Sabine Seyb. Uns wurde schnell deutlich, dass dies eine schlichte Ausstellung werden würde, da nicht nur die Bilder und Texte einfach gehalten, sondern auch der Ausstellungsraum einfach und schlicht gestaltet wurde. Somit konnten wir uns ohne unnötige Ablenkungen den Bildern und den Worten von Frau Seyb widmen. Uns wurde sehr schnell klar, dass die Bürgerinnen und Bürger Berlins sich zu keiner Tageszeit und an keinem Ort wirklich sicher fühlen können und sie in den meisten Fällen rechtsextremistischer Übergriffe nicht mit der Zivilcourage ihrer Mitmenschen rechnen sollten. Auf einem friedlich wirkenden schwarz-weiß-Foto war der S-Bahnhof Frankfurter Allee abgebildet. Neben dem Bild stand schlicht geschrieben: „Ein Jugendlicher wird von etwa zehn Hooligans angegriffen. Es wird ihm ein Zahn ausgeschlagen.
Ein augenscheinlicher Linker wird von einer Gruppe Hooligans angepöbelt, in den Rücken getreten und ins Gesicht geschlagen.“
An diesem Bahnhof steigen täglich mehrere tausend Menschen aus den Zügen ein und aus, auch Abends und Nachts herrscht an dort stets reger Verkehr, dennoch geschehen auch an diesem Ort rechtsextremistische Übergriffe. Frau Seyb erwähnte in ihrer Einführung, dass gerade an solchen Orten, welche als Nahverkehrs-Knotenpunkte bezeichnet werden, am häufigsten Übergriffe dieser Art zu verzeichnen sind. Hierbei ist anzumerken, dass ReachOut nicht nur von Angriffen berichtet, welche zur Anzeige gebracht wurden, sondern von allen, von denen sie bei ihrer Recherche erfahren haben. Sabine Seyb erklärte diesbezüglich, dass nicht alle Übergriffe zur Anzeige gebracht werden. Als häufigste Gründe bzw. Ursachen dafür werden die Angst der Betroffenen vor weiteren Übergriffen, ihr Schamgefühl, welches bei Opfern häufig aufkommt, die von den Betroffenen bezweifelte Effektivität einer Anzeigen gegen Unbekannt oder die Wahrung ihrer Anonymität, gesehen. Jedoch spricht ReachOut jedem Mut zu, unbedingt eine Anzeige bei der Polizei zu tätigen. Aufgrund der hohen Anzahl der Betroffenen von rechtsextremistischen Übergriffen, welche keine Anzeige tätigen, ist die Dunkelziffer dieser Straftaten in Berlin sehr hoch und in keiner Statistik vertreten. Obwohl ReachOut am Ende diesen Jahres von so vielen Übergriffen Kenntnis hat und deswegen eine Auswahl für die Erweiterung der Ausstellung „Berliner Tatorte“ treffen muss, da sie sonst ins unermessliche gehen würde, ist die unbekannte Anzahl noch deutlich höher, als viele von uns vermuten.

Ein besonders schlimmes Jahr war 2006. In diesem Jahr wurden enorm viele Übergriffe notiert und durch Berichte von Sabine Seyb oder dem Vorsitzenden der SPD-Lichtenberg Abteilung 5 – Friedrichsfelde Ole Kreins noch einmal verdeutlicht. Allerdings sind hierbei nicht nur die Randbezirke Berlins oder die so genannten „No-Go-Areas“ zu nennen, vielmehr sind auch Bezirke wie Friedrichshain oder Lichtenberg besonders stark von rassistischen Übergriffen betroffen. Friedrichshain ist der Bezirk, welcher die meisten Angriffe zu verzeichnen hat. Global auf Berlin gesehen, sind die Bezirke im Osten jedoch stärker von Rechtsextremismus betroffenen als die im Westen.

Die Ausstellung „Berliner Tatorte“ besteht seit 2005 und war unter anderem schon im Abgeordnetenhaus, dem Rathaus Köpenick, in Schulen von Pankow und nun im Bezirk Lichtenberg in der KULTschule zu sehen. Es sollen noch weitere Ausstellungen folgen, welche immer wieder aktualisiert werden.
Wir danken ReachOut und Frau Seyb für diese Ausstellung und die erschreckenden, die wachrüttelnden und die für das Thema sensibilisierenden Berichte.
Es wird deutlich, dass Rechtsextremismus immer noch aktuell und deutlich zu spüren ist. Viele unserer Mitmenschen leiden noch in der heutigen Zeit, in der man annehmen sollte, dass gerade die Deutschen ihre engstirnige Weltansicht abgelegt und an Humanität gewonnen haben, an Folgen von rechtsextremistischen Übergriffen.
Jede Bürgerin und jeder Bürger, das heißt, Sie und ich sollten Verantwortung übernehmen, um etwas dazu beizutragen , dass solche Texte von rechtsextremistischen Übergriffen neben den Bildern unserer schönen Stadt Berlin verschwinden, damit wir eines Tages wieder sagen können: „Bilder sagen mehr als tausend Worte.“

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