Zwischen Pult und Politik

Eine Reportage von Tobias Mayer

Anmerkungen zum Autor und zur folgenden Reportage: Tobias Mayer ist ein junger Journalist, welcher im Rahmen eines Bewerbungsverfahrens den Auftrag erhielt, eine Reportage über politisches Engagement von jungen Menschen zu schreiben. Über zufällige Kontakte trafen Tobias Mayer und Kevin Hönicke zusammen und es entstand folgende Reportage. Viel Spaß beim Lesen und gerne kommentieren.

Kevin Hönicke ist Lehrer und Politiker. Auch sein Tag hat nur 24 Stunden.

Der Vorsitzende der Jusos Lichtenberg Kevin HönickeIm Vereinszimmer einer Gaststätte unweit des U-Bahnhofes Friedrichsfelde stehen die Zeichen auf Abteilungssitzung. Die meisten der teilnehmenden Lichtenberger SPD-Mitglieder sind schon da, die erste Bestellung ist raus. Bald stellt die Kellnerin ein Essen auf den raumfüllenden Holztisch: Schnitzel mit Pommes.

„Hallo Kevin!“ Der junge Mann mittig der Tafel ist unter den Parteigenossen bekannt, wird von nahezu allen freundlich begrüßt. Es dauert nicht lange, da hat er seinen Teil des Tisches markiert. Laptop, Smartphone und Tablet liegen bereit, dazu eine Menge Papier. Als die Sitzung beginnt, ist keiner ausgerüstet wie Kevin Hönicke. Wozu braucht der großgewachsene, 29-jährige Kommunalpolitiker heute Abend ein temporäres Mini-Büro?

Die leidige Frage einer jeden Vereinssitzung ist die, wer Protokoll führen soll. Ein Genosse aus dem Berliner Abgeordnetenhaus erbarmt sich schließlich, das Ergebnisprotokoll zu übernehmen. „Aber nur handschriftlich“, stellt er klar. Er hat schräg gegenüber von Hönicke Platz genommen – der in seinen Laptop vertieft ist. Auf dem Bildschirm: Bewertungsblätter zu Schultests, die links aufgestapelt sind. Denn Hönicke sitzt in zweierlei Gestalt am Versammlungstisch, als Politiker und als angehender Lehrer. Außerhalb von Partei- und BVVSitzungen unterrichtet der Referendar Mathe und Physik. „Politik ist ein Hobby für mich, so wie andere drei Mal in der Woche zum Fußballtraining gehen.“ Auf eine Tätigkeit festlegen will er sich nicht: „Beide Welten haben etwas Spannendes.“

Und beide Welten fordern. Als die Diskussion auf den zurückliegenden Bundestagswahlkampf kommt, schaltet Hönicke blitzschnell um. Jetzt ist er Bezirksverordneter, Kreisvorstandsmitglied und Campaigner. „Gute Stimmung, gute Gespräche“, das habe die vergangenen Monate ausgezeichnet. Ein guter Wahlkampf sei das gewesen, erklärt er den anderen.
Mit dem Kämpfen kennt Hönicke sich aus.

Es lässt sich nicht abstreiten: In Hönicke steckt ein bisschen Schröder. Der junge SPDler findet es interessant, wie der ehemalige Bundeskanzler als „normaler Arbeitersohn aus geschiedenen Verhältnissen den Aufstieg geschafft hat.“ Auch Hönicke, in unpolitischen Verhältnissen aufgewachsen, startete seine Akademikerlaufbahn mit Verspätung: Erst die KfZ-Lehre, dann Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, 2007 Studium. Die Einschreibung an der Uni und der Eintritt in die SPD Lichtenberg, beides an seinem neuen Wohnort, fielen zusammen. Lichtenberg wird für Hönicke zum Ausgangspunkt politischer Aktivität. „Bei mir war die Motivation nicht die große Welt, sondern meine Haustür.“

Doch Hönicke denkt weit über die Haustür hinaus.

„Schwachsinn“, zischt Hönicke, die Finger noch an der Tastatur. Auf der Abteilungssitzung spricht gerade der besondere Gast des Abends, die SPD-Bundestagsabgeordnete Ingrid Arndt-Brauer. Es geht um die Frage, ob die SPD in eine neue große Koalition mit der Union eintreten soll. Arndt-Brauer meint, dass ihre Partei ein Marketingproblem habe und einer Oppositions-SPD kaum Gestaltungsmöglichkeiten blieben – Hönicke sieht das anders. Neben seinen sonstigen Ämtern ist er auch noch Vorsitzender der Jusos Lichtenberg. Die SPD-Jugendorganisation steht traditionell weiter links als der Parteimainstream, ihre Vorsitzenden sehen sich als Stacheln im Hintern von Parteichef Sigmar Gabriel.

Gleich darf der Lichtenberger Vorsitzende piken.

Hönicke ist am feurigen Höhepunkt seiner Rede. „Die SPD hat kein Marketingproblem, sie hat ein Machtproblem! Die krassesten Veränderungen kamen immer aus der Opposition.

Lasst uns wieder um die Gesellschaft kämpfen, nicht um die Macht!“ Dieses Schlusswort provoziert zustimmendes Tischklopfen – etwas Zuspruch für die viele Arbeit.

„Politik ist geistig und körperlich anstrengend“, weiß Hönicke. Trotzdem will er nicht kürzer treten, obwohl Freunde und Freizeit leiden. „Weder den Lehrerberuf noch das Politikerdasein sehe ich als Belastung. Das macht mir beides Spaß.“

Die Sitzung endet gegen 21:15 Uhr, plaudernd verlassen die Genossen das Vereinszimmer. Bis morgen muss Hönicke noch 26 Bewertungsbögen ausfüllen und acht Tests abarbeiten.

 

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